Fehler

Meine Eltern haben sich schon länger scheiden lassen. Ich habe es nach außen hin akzeptiert, aber wie sieht es tief in mir drin aus? In meinem Unterbewusstsein? Der Ort, zu dem nicht mal ich jederzeit Zugang habe.

Wie es die Jugend so mit sich hat, verliebt man sich in der Zeit ziemlich oft. Das würde ich von mir nicht behaupten, ich brauche eine bestimmte Zeit, um Vertrauen aufzubauen. Ich lernte mit 16 einen Jungen kennen, mit dem ich mich vom ersten Tag an super verstand. Wir verabredeten uns für’s Kino und ich hatte mein erstes richtiges Date. Wir schrieben viel und waren wirklich auf einer Wellenlänge. Aber von Liebe war ich noch weit entfernt, ich war gerührt von seiner Art mich beeindrucken zu wollen. Eines Tages bat er mich darum mit ihm zusammen zu sein, obwohl ich mir völlig unsicher war über meine Gefühle, sagte ich trotzdem ja. Ein Versuch ist es doch bestimmt wert, sagte ich mir.

Das war ein Fehler! Tut es nicht, egal wie gern ihr jemanden habt, wie wenig ihr demjenigen wehtun wollt. Willigt nie etwas ein, worüber ihr euch nicht völlig im Klaren seid, was ihr da überhaupt tut. Vor allem nicht, wenn es um Gefühle geht. Die Gefühle eines Menschen sind so wertvoll. Sie sind der Schlüssel zu seinen tiefsten Emotionen und seiner schwächsten Stelle. Durch zeigen der Gefühle, wird dir sozusagen dieser Schlüssel anvertraut, in der Hoffnung, du gehst durch die Tür zu seinem Herzen und verschließt sie hinter dir wieder. Wenn man sich über etwas aber nicht sicher ist, unbedingt sagen! Betrete nicht einfach ein Herz und lass die Tür meilenweit hinter dir offen. Ich weiß im Nachhinein, dass ich das nicht hätte tun sollen.

Er zeigte seine Liebe wirklich sehr, ich war geschmeichelt, gleichzeitig jedoch am Zweifeln. Wir kannten uns doch erst seit kurzem? Wie kann er denn behaupten mich so sehr zu lieben? Durch diese Zweifel sind viele Dinge passiert, die ihn sehr verletzt haben. Ich habe ihm Unrecht getan. Ich wollte ihn nie mit Absicht verletzen und hatte schreckliche Schuldgefühle, ich versuchte also alles, um diese Fehler wieder gutzumachen und begann, alles für ihn zu tun. Er war verletzt und wütend, aber sagte, dass er mir verzeiht und wir noch einmal von vorne anfangen sollten. Ich willigte ein, diesmal wollte ich es wirklich. Anstatt wie erhofft von vorne zu beginnen, setzte er auf Rache und versuchte alles, um mir das Leben schwer zu machen. Er nutzte meine Schuldgefühle aus, um mich verletzen zu können. Egal was er tat, ich verzieh ihm. Egal was er sagte, wie sehr er mich beleidigte, ich nahm alles auf mich. Denn mein Kopf sagte mir, ich sei selbst schuld, ich hätte das verdient.

Hier der zweite Punkt: Menschen machen Fehler, nur aus Fehler lernt man wie man es in Zukunft besser macht. Niemand ist perfekt. Sollte dir ein schlimmer Fehler passieren, bist du nicht gleich ein schlechter Mensch. Siehe zu, dass du sie einsiehst und es in Zukunft besser machst. Nicht nur Einsicht, sondern Veränderung! Aber quäle dich nicht pausenlos selbst damit und lasse auch nicht zu, dass dein Leben durch deine Schuldgefühle bestimmt werden.

tumblr_ng52wwC2Fv1s8mncno1_500Das Leben war so mühsam, täglich für ihn da zu sein, weil er so verletzt war und ich es „ihm schuldig“ war, mich behandeln zu lassen wie er wollte.  Ich liebte ihn aber trotzdem. Meine komplette Liebe und Hingebung zu ihm war auf Schuldgefühlen basiert, in die ich mich auch immer mehr hineinsteigerte, sodass ich dachte, ohne ihn könnte ich nicht mehr leben. Ich wollte doch ein guter Mensch sein. Ich sah nur die schönen Stunden, die wir ab und zu hatten, bis er es sich wieder anders überlegte und mich fertig machte. Mein Alltag war voll und ganz von ihm abhängig geworden. Dieses Hin und Her ging mehr als ein Jahr und ich war müde, müde vom Alltag. Warum trennte ich mich nicht, ist hier die Frage. In meinem Unterbewusstsein haben sich solch starke Verlustängste entwickelt, sodass ich dachte, wenn ich ihn nicht halten kann, dann niemanden. Ich wollte es schaffen ihn und seine Denkweise zu verändern. Meine Eltern haben es trotz jahrelanger Ehe nicht geschafft, sich festzuhalten. Ich möchte nicht das gleiche durchmachen. Ich konnte es nicht einfach wegschmeißen, ich wollte es reparieren.

Da ich auch nur ein Mensch bin, war all das irgendwann zu viel für mich. Ich hatte jegliche Hoffnung in die Zukunft verloren. Ich merkte, wie meine Kraft, ihn halten zu wollen, mehr und mehr verschwand. Ohne diese Kraft, etwas festhalten zu wollen, fühlte ich mich nutzlos. Ich dachte stundenlang nach, was mich an der Zukunft eigentlich noch reizt, wo ich eines Tages hin will. Ich hatte keine Ziele, keine Motivation und keine Hoffnung mehr. Ich verfiel in tiefe Depressionen.

Sad-girl-floating-in-waterAlles wurde von den Schuldgefühlen und Verlustängsten unterdrückt, alles habe ich damit verbunden. Wenn ich das Abitur also schaffe, werde ich wohl studieren gehen, danach einen ganz guten Job haben, vielleicht ein gutes Auto fahren, ein tolles Haus besitzen, einen Mann kennenlernen, den ich eh wieder nicht festhalten kann. Wäre ich glücklich mit all dem? Wenn sowieso alles wieder ein Ende haben wird? Zu der Zeit konnten mir diese Dinge einfach keine Motivation und Vorfreude für die Zukunft geben. Ich schloss mich tagelang im Zimmer ein, ging nicht mehr raus, redete nicht mehr viel. Ich war so verloren, dass ich einfach nicht mehr leben wollte. Das Leben erschien mir so mühsam und sinnlos, ich erschien mir so nutzlos, ich war überhaupt nicht mehr daran interessiert. Und dann kam der Tag, an dem ich die feigste Entscheidung meines Lebens traf und es versuchte…Suizid.

Ich schaffte es nicht, zum Glück muss ich sagen! Heute sind wir beide älter und reifer geworden, belächeln eher frühere Geschehnisse und schauen nach vorne. Wenn wir uns sehen reden wir über Gott und die Welt, als wäre nie etwas derartig schlimmes geschehen. Ich denke keineswegs mehr daran, wie sehr wir beide gelitten haben. Wir waren einfach zu jung, um fehlerfrei zu sein. Man wird es ein Leben lang nicht sein.